Nicht mehr so ganz United

Der Fußballverein „Marienthal United“ war vor acht Jahren als sportliche und kulturelle Alternative angetreten, jetzt ist zumindest sportlich vorerst die Luft raus.

Zwickau. Hunde gehen immer. Möpse sowieso. Die zerknautschte Schnauze eines Mopses ist auch das Markenzeichen der Mad Dogs, einem Fanklub, der dem Verein Marienthal United nahe steht. Der Legende nach soll eines der possierlichen Tierchen am Rande der United-Spiele so für Aufsehen gesorgt haben, dass ihn die „verrückten Hunde“ in Namen und Logo verewigten.

Vor etwa acht Jahren war Marienthal United 08 aus der Taufe gehoben worden, und wenn man nun jene fragt, die in diesen ersten Tagen dabei waren, kommt die Sprache immer auf den besonderen Spirit, der nicht in Statuten zu pressen ist. Um im Hundejargon zu bleiben: das Mopsfidele. Marienthal United 08 ist und war mehr als nur ein Fußballverein. Ein Experiment vielleicht, vielleicht auch eine Utopie. Die Vorstellung davon, dass ein Fußballklub aus Zwickau ganz explizit linke Ideale vertritt und zudem für die Zwickauer Jugend Signale setzt, dass etwas geht in der Stadt, wenn man denn nur macht.

Alles begann mit einem größeren Freundeskreis in Zwickau. „Wir haben uns immer gegen Gedankengut gestellt, das rassistisch, homophob oder antisemitisch ist“, sagt Lukas Göschel, der lange Jahre aktiv im Verein war, über die Gründungsidee. „Der Konsens war immer, dass wir keine Unterschiede gemacht haben, ob bei Religion, Schuhgröße oder Hautfarbe.“ Als ausgesprochen linker Verein wurden über die Jahre auch Antipathien zu einigen Vereinen gepflegt, in deren Umfeld ein anderes politisches Spektrum das Sagen hat. Diese Antipathien machten dann zuweilen die Behörden hellhörig. Ein Auswärtsspiel im Westsachsenstadion fand im vergangenen August unter dem wachen Auge von zwei Handvoll Ordnungshütern statt. In der Schlange am Getränkestand trauerten damals zwei offenbar deutschnational gesinnte Anhänger des Heimvereins der verpassten Gelegenheit hinterher, sich mit den Marienthaler Anhängern eine Auseinandersetzung in der sogenannten dritten Halbzeit zu liefern. „Heute sind nur Kinder da“, lautete deren Aussage zur Anhängerschaft von United.

Nicht zuletzt mit den Reaktionen auf rassistische Ausfälle gegenüber dem Schönfelser Spieler Isaquito Giehler in den Jahren 2012 und 2013 zeigte man als Verein Flagge. In Gesprächen mit dem Sponsor ATM, der die Moccabar betreibt, wurde ein bemerkenswerter Deal geschlossen: Der Verein durfte den Trikot-Aufdruck frei wählen. Man entschied sich für „Refugees Welcome“, Flüchtlinge willkommen. Diese Trikots und auch der eingangs erwähnte knuffige Mops der Mad Dogs wird demnächst deutlich seltener zu sehen sein, denn zumindest sportlich ist das Projekt Marienthal United 08 in der kommenden Saison nicht mehr im Ligabetrieb vertreten. In der abgelaufenen Saison gelangen zwei Siege und ein Unentschieden in der 1. Kreisklasse. Abgeschlagen landete man auf dem letzten Platz, jetzt will man keine Mannschaft mehr für den Spielbetrieb melden. Im Vorstand gibt man sich dazu selbstkritisch. „Wir haben zu wenig Werbung gemacht für den Verein. Wir hatten zwar viele Abgänge, aber jedes Jahr kommen genug Studenten in die Stadt, unter denen wir neue Spieler hätten finden können“, sagt Johnny Meinel aus dem dreiköpfigen Vorstand.

Zur sportlichen Krise kamen zuletzt offenbar auch einige interne Reibereien dazu, die mit dem Slogan „United!“ – der vor Spielen im Kreis der Mannschaft gerufen wurde – nicht mehr zu vereinen waren. Kontrovers wurde diskutiert, wie man Flüchtlinge ins Team integrieren sollte. Offenbar war die Rumpfmannschaft auf und neben dem Spielfeld selber nicht mehr in der Lage, Integration leisten zu können. Anfragen von talentierten ausländischen Kickern soll es mehrere gegeben haben. Im United-Universum war dies vielleicht auch der Moment, in dem sich das Utopia endgültig als utopisch herausstellte.

Die Realität in den vergangenen Monaten war dementsprechend eine relativ triste: Das vorletzte Spiel trat man gar mangels Personal nicht an, bevor zum vorerst letzten Aufgalopp Mitte Juni noch einmal 19 Spieler mitspielen wollten. Wie zur Erinnerung an bessere Zeiten erzielte der Torgarant der Vorsaison, Pierre Ritter, das vorerst letzte Tor im offiziellen Spielbetrieb, es war das 2:1-Siegtor. „Das Spiel wollten wir wirklich nicht verlieren“, sagt René Hahn, der den Verein nach außen auch als Schiedsrichter repräsentierte. „Wir wollten zum Schluss der Saison noch einmal zeigen, dass wir gewinnen können.“

Jetzt steht zur Debatte, dass man sich dem Freizeitfußball und einzelnen Turnieren widmen möchte. Kulturell hat der Verein, der sich auf die braun-weißen Fahnen schrieb, die alternative Jugendkultur in der Stadt zu beleben, zahlreiche Titel zu verteidigen. Das von Marienthal United mitveranstaltete „If the kids are united against racism“-Festival ist eine erstzunehmende Nummer als musikalisches und kulturelles Statement für eine bunte Gesellschaft. Doch auch abseits des Ernst-Grube-Sportplatzes waren zuletzt Mangelerscheinungen aufgetreten: Im Juni war der gemeinsam mit dem Verein „Roter Baum“ ausgetragene Streetsoccer-Cup „United Colours“ auf dem Hauptmarkt kurzerhand abgesagt worden, weil zu wenige Mannschaften gemeldet hatten, wie Mitorganisator Hahn sagt.

In den kommenden Wochen wird nun wohl Loriot die Macher bei den nötigen Entscheidungen begleiten. Der sagte: „Ein Leben ohne Mops ist möglich, aber sinnlos.“

Von Konrad Rüdiger (Freie Presse) erschienen am 23.07.2016.




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